Als Lehrer bin ich vermutlich ein Rebelle.
Am Anfang, wie der Großteil der Sprachlehrer, schuftete ich bei Sprachschulen zu wahnsinnigen Zeitplänen für ein schreckliches Gehalt. Es gab jedoch zwei große Vorteile: einerseits, dass mich meine OberlehrerInnen perfekt ausgerichtet haben, was eine gute Englischstunde ausmacht; andererseits waren die Lernenden (meistens Erwachsene) unheimlich begeistert. Mit ein paar von ihnen halte ich immer noch Kontakt - nach 15 Jahren.
Mittlerweile hörte ich trotzdem mit dem Gruppenunterricht auf. Ich nutze auch keine Kursbücher mehr, und ich gebe keine Hausaufgaben. Fragst du dich, ob man davon irgendwas lernen kann? Ich bezweifelte mich jahrelang gleichfalls. Ich besuchte staatliche Schulen, und auch später an der Uni wurde mir beigebracht, wie ausreichend ein Lehrer eine Stunde planen und den Empfang des "Materials" kontrollieren soll. Aus diesem Grund kam meine neue Einstellung auch mir selbst verdächtig vor.
Diese Methode stammt aus dem anderen Faden meiner Karriere: Einzelunterricht. Da wollen die Lernenden wollen keinen geplanten Lehrgängen ausgesetzt werden, keine Aufgaben bekommen, nur reden. "Findet ihr das sinnvoll?", habe ich gefragt. Als Antwort habe ich eindeutiges Ja bekommen, "weil man so selbstsicherheit bekommt und viel über sich lernt". Genau deshalb, statt meine Pläne zu nötigen, ließ ich sie fallen und ging mit dem Flow. Nach 20 Jahren weiß ich: Ich darf die richtige Wahl getroffen haben.
Es wird überall für verlockende Kurse geworben, wo man "Sprechen wie ein Muttersprachler" erlernen kann - die sind aber meistens unpersönliche, fließbandändliche Kurse, wo alle Teilnehmer das gleiche lernen, auch wenn in kleinen Gruppen. Selbstsicherheit stammt allerdings davon, dass man seine eigene Ausdrucksweise findet, und das mit jemandem üben kann, der ernsthaft zuhört und ihn lange reden lässt.
So ist der Lehrplan der Lernende selbst. Jede Stunde entwickelt sich spontan davon, was für Laune, Themen und Fragen du mitbringst. Die Hausübung ist auch nicht vorgeschrieben: alles, was du auf der neuen Sprache ausser der Stunde machst, gilt als freie Übung. Die Aufgabe ist aber, diese Übung sinnvoll machen zu können (also nicht nur Serien schauen). Und bei diesem Lernmanagement kann der Lehrer - selbst ein professioneller Lernender - am meisten helfen.
Wie stehst du dazu?
Kann ein Lehrgang ohne Plan, ohne Kursbuch und ohne Hausaufgabe funktionieren?
Headline image by anniespratt on Unsplash
Ein sehr interessanter Beitrag!
Ich halte es für absolut sinnvoll, den Lernenden mehr Autonomie und Wahlmöglichkeiten zu überlassen, statt alle über einen Kamm zu scheren. Wenn Lernende ihrer Neugier und ihren Interessen folgen können, steigt die intrinsische Motivation und die Effizienz des Lernprozesses.
Was jedoch einen komplett ungeplanten Unterricht angeht, da habe ich meine Zweifel. Ich habe auch auf diese Weise teilweise Deutsch gelernt, einfach durch Konversationen mit einem Lehrer. Es hat viel Spaß gemacht, war aber vor allem auf Niveaus A2/B1 bis B2/C1 effektiv. Früher konnte ich noch nicht von solchen Gesprächen profitieren, da mir die Grundlagen fehlten, um überhaupt etwas sagen zu können. Ab dem C1 Niveau war es schon nicht mehr ausreichend, weil ich komplexere Strukturen und Redewendungen brauchte, um weiterzukommen.
Daher glaube ich, dass dieser Ansatz total sinnvoll ist, aber seine Wirksamkeit stark vom Niveau der Lernenden, ihren Zielen (z. B. Alltagsdeutsch vs Prüfungsvorbereitung) und auch ihrer Erfahrung mit dem Sprachenlernen abhängt. Gleichzeitig sehe ich auch die Rolle der Lehrkraft darin, Orientierung zu geben und passende Optionen anzubieten. Wenn ich immer nur über Themen spreche, die mich interessieren, dann kann ich über die anderen 80% der Themen nur eingeschränkt sprechen. Ob das ein Problem ist oder nicht, hängt wiederum stark vom individuellen Ziel ab.
Danke für deine Meinung, @LiubovVasilyeva ! Komischerweise habe ich am Anfang gedacht, dass diese Methode zur Steigerung der Motivation beitragen kann, weil die Lernenden endlich fühlen, dass die bei Entscheidungen mitreden können. Dennoch habe ich gefunden, dass Autonomie, falls man sie in zu großen Dosen übergibt, führt eher zur Verwirrung. Deshalb musste ich einen gut durchdachten Plan(!) zusammenstellen, das schrittweise zu machen.
Über das Niveau C1/C2, wo du freie Konversation nicht mehr sinnvoll findest, was für einen Rahmen hast du benötigt, um dich sichtbar entwickeln zu können? Ich begegne gerade der gleichen Hürde, und würde gerne wissen, wie ich sie überwinden könnte. (Also scheint mir jetzt die Menge der Vokabeln und Chunks recht abschreckend zu sein, und es tritt auch das "je mehr ich weiß, desto besser weiß ich, wie wenig das ist"-Gefühl auf... :D)
"Dennoch habe ich gefunden, dass Autonomie, falls man sie in zu großen Dosen übergibt, führt eher zur Verwirrung." Das kann ich nicht genug unterstreichen! So fühlte ich mich auch, wenn eine meiner Lehrkräfte immer von mir erwartet hat, dass ich mir selbst Themen und passende Ressourcen aussuchen sollte, weil ich ja "besser weiß, was mich interessiert". Hier ist auch eine Balance nötig.
"Über das Niveau C1/C2, wo du freie Konversation nicht mehr sinnvoll findest" Wenn ich jetzt nochmal darüber nachdenke, freie Konversationen können durchaus effektiv sein, wenn man jedoch gezielt neue komplexere Strukturen/Chunks/Redewendungen benutzt. Und wenn man auch den Themen, die einem weniger interessieren, Zeit widmet - das heißt, wenn man über die eigene Themenblase hinausschaut.
Als ich das Gefühl hatte, dass ich mit freiem Sprechen allein nicht weiterkomme, habe ich mich entschieden, die C1-Prüfung abzulegen, um mich auf diese Weise zu zwingen, intensiver zu lernen. Ich habe mir auch eine andere Lehrkraft ausgesucht, die strukturierteren Unterrricht bot aber trotzdem auf meine Wünsche achtete.
Ich glaube, es ist enorm wichtig von Anfang an der Lehrkraft die eigenen Wünsche klar zu kommunizieren. Es ist leider nicht immer so leicht, weil man selber nicht immer sofort versteht, was man braucht und wie man am besten lernen könnte 🙂 Viele Menschen, die ich kenne, mein Mann inklusive, haben Angst vor solchem freien/flexiblen Unterricht, weil sie es gewohnt sind, wie damals in der Schule, mit einem Buch und vielen Übungen zu lernen. Deswegen sieht alles andere wie kein Plan/falsch/kein echtes Lernen aus.