Wjatscheslaw: Guten Tag, Victoria! Berühmt hat mich noch niemand genannt. Freut mich sehr! Aber ich denke, dass es unverdient ist. Vielleicht in 20 Jahren, wenn das Leben glücklich mitspielt.
Victoria: Wenn man nach der Anzahl der Videos, ihrer Vorlesungen beurteilen würde, denke ich, das wäre eine würdige Bezeichnung. Ich bin sehr dankbar, dass Sie heute mitmachen und hoffe darauf, dass wir eine interessante Sendung haben werden. Wir werden nicht über ein konkretes Thema aus dem Bereich “die Biologie des menschlichen Gehirns” sprechen, sondern ich werde eine Reihe von Fragen Ihnen stellen. Unser Publikum hat eine breite Palette an Interessen und Kenntnissen. Wir werden versuchen, uns vorzustellen, was Menschen darüber schon wissen und was wir als zwei Spezialisten davon noch erzählen können. Ich bin natürlich in der Rolle einer Journalistin. Die erste Frage ist: Wofür muss der moderne Mensch die Vorstellung von der Gehirnfunktion haben? Sie halten Vorlesungen. Sie sind sehr ausführlich, interessant und spannend, aber was für einen praktischen Effekt sollen die Zuhörer und Zuhörerinnen bekommen?
Wjatscheslaw: Vielleicht geht es mit jeder Vorlesung, die unserem Körper, unserer Gesundheit gewidmet sind. Ohne das Verständnis, wie unser Darm, unsere Nieren, unser Gehirn, unser visuelles und auditives System funktionieren, wie würden Sie das Ganze benutzen, das uns die Evolution geschenkt hat? Einer der Hauptaufrufe ist, ein bewusster Benutzer dieser komplexen Maschine zu sein, rechtzeitig ihre Bedürfnisse zu verstehen und zu spüren, hundertprozentig die Maschine zu benutzen, aber so zu benutzen, ohne sie kaputtzumachen, damit sie umgekehrt ihre Ressourcen erweitert. Ein Gehirn ist gerade eine solche Konstruktion, die besser funktioniert, wenn Sie sie gut benutzen. Das betrifft auch die Muskeln, das Herz und den Darm. Deshalb lassen die Kenntnisse über das Gehirn einen effektiv arbeiten und sogar noch effektiver arbeiten.
Victoria: Toll! Ich hoffe, dass unsere heutige Sendung Ihnen, liebe Freunde, etwas gibt, was Sie für die Verbesserung ihres Lebens benutzen können. Am Anfang unserer Sendung mache ich unsere Zuhörer und Zuhörerin mit unserem Gast bekannt. Erzählen Sie bitte, Wjatscheslaw Albertowitsch, wie Sie dazu gekommen sind, dass Sie das Interesse für die Neurobiologie entwickelt haben und sie zu Ihrer Berufstätigkeit geworden ist?
Wjatscheslaw: Von Kindheit an wollte ich ein Biologe werden. Ich bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen, aber ich wagte mich, nach Moskau zu kommen. Es ist mir gelungen, den Studenten der Fakultät für Biologie zu werden. Während des Studiums hatte ich eine Möglichkeit, ein Jahr lang über die Wahl des Fachbereichs nachzudenken. Unsere Fakultät hat rund 30 Lehrstühle. Das ganze Jahr hindurch habe ich mich umgesehen, wie alle Studenten es tun. Ich habe verstanden, dass ich die Biochemie, Molekularbiologie mit Probiergläsern nicht besonders interessant finde. Die klassische Zoologie und Botanik begeisterten mich auch nicht. Sie sitzen in den Buschen, in den Stiefeln, mit dem Fernglas und beobachten, wie Biber ihre Dämme bauen. Das ist auch nicht mein Ding. Die Physiologie dagegen fand ich sehr interessant. In der Physiologie ist das Gehirn das Interessanteste. So habe ich den Lehrstuhl der höchsten Nerventätigkeit ausgewählt. Ehrlich gesagt habe ich nie bereut, denn der Bereich ist so vielfältig und interessant. Ich arbeite schon seit 30 Jahren in diesem Bereich und immer noch scheint es mir, dass alles nur beginnt.
Victoria: Was gehört zu Ihrem Interessenbereich als Wissenschaftler?
Wjatscheslaw: Die letzten 20 Jahre beschäftige ich mich mit der Neuropharmakologie. Unser Lehrstuhl konzentriert sich auf die Forschung im Bereich der regulatorischen Peptiden, Moleküle, Proteinfragmente. Sie verfügen über hormonähnliche und neurotrope Eigenschaften. Einerseits gibt es Moleküle, die potenzielle Medikamente sind. Andererseits gibt es Modelle der Pathologie der depressiven Tiere oder Gedächtnisstörungen, oder derzeit arbeiten wir mit Autismusmodellen. Das Ganze bildet einen sehr interessanten Komplex. Man bleibt die ganze Zeit an vorderster Front des Wissenschaftsbereichs Neuropharmakologie, denn regulatorische Peptiden sind eine sehr reizvolle Peptidengruppe. Andererseits sollte man sich in Prinzipien der Gehirnfunktion auskennen, denn wenn man vom Verhalten spricht, sind das Gedächtnis, Emotionen und das gemeinsame Aktivationlevel auch einbezogen, ganz zu schweigen von verschiedenen Mediatoren.
Victoria: Gibt es Basisprinzipien der Gehirnfunktion? Könnten Sie bitte davon erzählen?
Wjatscheslaw: Es gibt eine ziemlich große Menge davon, denn das Gehirn ist ein vielschichtiges Universum. Es gibt einen Molekularlevel, einen Synapsenlevel, einen Level der Kontakte zwischen Neuronen, einen Zellenlevel und einen Netzwerkenlevel, wenn 100-200 Neuronen etwas zusammen tun. Es gibt einen Level von Makrostrukturen und einen Level von Systemen. Jeder Level hat seine Gesetze. Ich habe grundsätzlich mit dem zwischenzellulären Level in der Neuropharmakologie zu tun, wenn wir Oxitocinrezeptoren oder Opioidrezeptoren beobachten oder beschäftige ich mich mit dem Systemlevel, wenn wir die Prozesse der Gedächtnisbildung oder Vergessensprozesse, Entstehungsprozesse der mütterlichen Depressionen oder die Störung des Sozialverhaltens beschreiben. Jeder Level hat seine Algorithmen. Ich denke, es gibt rund hundert Prinzipien, es ist viel, aber ziemlich übersichtlich, wenn man mit den Materialien 3-4 Jahre lang bekannt macht, kann man mehr oder weniger alle Prinzipien verstehen.
Das ist ein interessanter Text! Der Biologieunterricht bei uns in der Schule war immer sehr theoretisch, und erst später ist mir wirklich bewusst geworden, wie nützlich Kenntnisse über alle möglichen mit der Biologie zusammenhängenden Themen im Alltag sein können.
Vielen Dank für die Korrekturen und die hilfreichen Erklärungen!:) Als ich Schülerin war, fand ich Biologie auch nicht besonders interessant, vielleicht lag es auch am Unttericht und an der Schulbildung im Provinzgebiet in unserem Land. Ich wurde erst vor einigen Jahren mit dem Interesse für Biologie von meinem Vater sozusagen angesteckt. Er sagt mir immer wieder, dass Biologie sehr wichtig ist und das ist mir erst bewusst geworden, seitdem ich mich auch hobbymäßig mit der Biologie zu beschäftige begonnen habe. Die Biologie ist wirklich interessant und hilft einem besser Zusammenhänge im Leben und das Leben selbst zu verstehen.
Gern geschehen!:)