Vor kurzem bin ich auf eine Folge des Podcasts "Hotel Matze" gestoßen, auf ein Gespräch mit dem Shaolin Kung-Fu Meister Shi Heng Yi. Der Name kam mir gar nicht unbekannt vor: In meinen frühzwanzigern habe ich selber in einer kleinen Shaolin-Schule in Ungarn trainiert, und währenddessen jede Menge prägende Erfahrungen gemacht. Vom Meister Shi Heng Yi wurde uns viel erzählt: Obwohl nur ein Jahr älter als wir, war er schon berühmter Lehrer, und damit für uns ohne Frage ein Held.
Wie hat mich Kung-Fu geprägt? Vor allem durch das Gefühl, in eine Gruppe mit festen Werten zu gehören, wo die Erfahrenen die Neueinsteiger immer unterstützten. Das bedeutete auch das Wissen: wie unfassbar schwierig das Training immer war, mussten wir alle durchziehen. Wenn einer scheiterte, bedrohte der die Arbeit der gesamten Gruppe.
Genau deshalb begrüße ich einen Trainingskamerad wie einen Bruder, wenn wir zufällig auf der Straße treffen. Auch wenn wir uns seit vielen Jahren nicht begegnet haben, und uns sonst nicht viel zu sagen haben, hat die Erinnerung, dass wir gemeinsam durchgezogen haben, in uns beiden eine tiefe Resonanz. Ich frage mich oft: Was für Sinn hatte es, einen Kampfsport zu treiben, wenn ich gar nicht kämpferisch bin, und auch keine Ambition hatte, an Wettbewerben und Prüfungen teilzunehmen? An direkten Kampftrainings zeigte ich weder Fähigkeit, noch Spaß vor. Formübungen - wo die ganze Gruppe gleichzeitig dieselbe Bewegungen machte, und das mit energievollem Seufzen und Schreien begleitete - begeisterten mich aber sehr. Da löste sich das Ego auf, und es gab nur das gemeinsame Ziel und den Weg.
Auf solche Themen ging auch der Meister im Podcast ein.
Beispielsweise, dass physische Übung und Fähigkeit, in sich selbst, sinnlos sind. Dessen Sinn ist wie sie uns als Menschen gestaltet. Und die wichtigste Ausdrucksform des Lebens ist Zeit, die eindeutig mit Aufmerksamkeit und Energie ist. Kung-Fu ist nicht nur ein Sport: Er ist die Verwirklichung einer inneren Absicht, in irgendwelchem Feld. Auch Familienleben kann dein Kung-Fu sein. "Sei da, wo du bist, mit deinem vollen Herzen und Energie" - lautet die Kernidee. "Was ist denn dein Kung-Fu?" - wurde uns auch im Training vielmals die Frage gestellt.
Es dauerte mir Jahrzehnten, besser zu ahnen, was diese Sätze bedeuten. Wenn man es ohnehin im Kopf versteht, reicht es nicht. Verwirklichung bedeutet, dass man vollkommen ausübt, woran man glaubt. Ich mache Kung-Fu leider nicht mehr. Aber, genauer betrachtet, mache ich es doch weiter - in der Familie, im Sprachenlernen und in meinen Beziehungen mit Menschen.
Und was ist dein Kung-Fu? Wo verwirklichst du dich selbst?
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