Letzten Sonntag endete eine ära in Ungarn. Ich kann es immer noch nicht in Worte fassen, wie diese Wende sich anfühlt. Von vielen Ansichtspunkten ganz änhlich wie der Fall der Berliner Mauer. Ich sage jeden Morgen vor mich hin: "Die alte Regierung ist nach 16 Jahren endlich weg", als wäre dies eine Art PTSD.
Zunächst muss ich eingestehen, dass diejenigen, die die Rechtsradikalen weg wollten, trauten es sich gar nicht zu, dass eine Wende möglich sei. Obwohl das System oberflächlich als Demokratie bezeichnet wurde, hat die Regierungspartei den ganzen Staat unter enger Kontrolle gehalten. Es waren beispielsweise keine abweichende Meinungen erlaubt, in den Schulen wurde von uniformisierten Kursbüchern unterrichtet und fast alle Medien wurden gleichschaltet. Darüber hinaus war das Wahlsystem absichtlich unausgeglichen, damit es der Regierung alle Chancen maximalisiert. Man hätte in so einem Land fast erstickt, trotzdem wagten viele nicht einmal, darüber zu reden. Es hätte sowieso gar nichts geändert. Stattdessen sind ungefähr 400.000 Leute ausgewandert.
Was mir persönlich am meisten weh tat, ist dass uns auch die Sprache gestohlen wurde, durch maßgebliche Gehirnwäsche durch die eroberten Medien. Man wollte "Flüchtling" sagen, aber die Mehrheit, die viele staatliche Medien konsumiert hat, sagte "Migrant". Alle ämter, sogar die Tabakläden, wie komisch es immer klang, sollten "National" genannt werden. Man durfte nicht tolerant sein, weil es uns immer vorgeschlagen wurde, wen wir gerade hassen sollen - und viele Leute haben es skrupellos getan. Man konnte kaum denken - deshalb sind viele Oppositionsanhänger in die eigene Familie, sogar in den eigenen Kopf zurückgezogen. Genau wie in Orwells 1984. Und das in einem EU-Land.
Trotzdem gab es Glück im Unglück. Die Regierung ist laut einem Analysten "blind geflogen", also haben sie die eigenen Wahlumfragenergebnisse verfälscht, weil sie die schrecklichen Zahlen nicht ins Auge zu blicken wagten. Sie glaubten, was sie glauben wollten - und nicht an der Wahrheit. Sie hätten sich in ihren schlimmsten Träumen nicht vorgestellt, was auf sie wartet.
Genau deshalb war für sie wie eine kalte Dusche, als die oft herabschaute Gen Z sich von den Sesseln rückte, und in großen Massen für die Abwählung stimmte. Die gleichen Jugendlichen, die vor 4 Jahren gar kein Interesse für die Politik zeigten, haben es deutlich ausgedrückt, dass sie ihre Zukunft in einer liberalen Demokratie und in der EU vorstellen.
Der blödste Teil der Geschichte ist, dass mit 52% der Stimmen die Opposition eine Zweidrittelmehrheit erworben hat, mit der sie sogar die Verfassung ändern dürfen - genau wie die alte Regierung früher viermal getan hat. Auf Ungarisch gibt es einen Spruch dafür: "das Eis hat zurückgeleckt".
Aber das Risiko ist immer noch da: dies ist eine beispiellose Bemächtigung. Niemand in der ungarischen Geschichte konnte früher so viele Abgeordenete ins Parlament schicken, wie die Opposition jetzt. Werden sie damit vorsichtig umgehen, um die Gewaltenteilung wiederherzustellen, oder wird es weitere übergriffe geben?
Ich hoffe nur, dass der Hass enden wird, und die Anhänger von den beiden Seiten sich endlich ins Auge schauen können.
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