Victoria: Also, die Dichte und die Komplexität der neuronalen Netze können keinen großen Umfang einnehmen. Das Ganze wird im Gehirn so gepackt, dass das Gehirn nicht schwieriger und nicht größer wird. Derzeit sind solche Theorien wie Chaostheorie und die Vorstellung von dem Fraktalsystem der Gehirnstruktur in aller Mund. Was ist Ihre Meinung dazu?
Wjatscheslaw: Die Physiker denken sich viele Analogien aus, aber wir Neurobiologen finden es viel leichter, die synaptische Dichte auszurechnen. Also, was finden wir heraus? Die Anzahl von Neuronen ist genetisch bestimmt und mehr stabil als das Hirngewicht eines konkreten Menschen. Also, es stellt sich heraus, dass es dazwischenliegende Gliazellen weniger oder mehr geben kann, aber die Anzahl von Neuronen stabil ist. Die Mehrheit der Neuronen nimmt die Orte während der Ontogenese ein, die von Geburt an für sie bestimmt sind. Dann entstehen bei Neuronen Ausstülpungen. In diesem Moment spielt die Umwelt eine große Rolle, in der sich zuerst das Gehirn eines Embryos und später das Gehirn des Kleinkindes entwickeln. Die ersten zwei, drei, vier, fünf Jahre des Lebens, besonders die ersten drei Jahre des Lebens sind von entscheidender Bedeutung, denn während dieser Jahre entsteht das synaptische Netz bestimmter Dichte. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die erste Botschaft erfolgreich ist und dass das Kind unter komfortablen Bedingungen großgezogen wird. Es ist wichtig, dass es viele neue Informationen und Kommunikation mit Eltern gibt. Für ein Kind ist ein zwischenmenschlicher Kontakt wichtiger als Internet und Tablet.
Mit dem zustande gekommenen drei-vierjährigen Gehirn starten wir in die Welt, die mehr erwachsen ist. Was sehen wir? Die synaptische Dichte wird größer, aber sie kann auch geringer werden, wenn Sie das Gehirn mit gleichen, monotonen und uninteressanten Informationen füttern. Dann beginnen die Kontakte auseinanderzureißen, denn sie sind überflüssig. Jede Synapse erfordert viel Energie und wozu muss man eine Synapse füttern, wenn sie keine interessanten Informationen weitergibt? Was sehen wir weiter? Durch Synapsen werden Wachstumsfaktoren an Neuronen von ihren Kollegen weitergegeben. Es gibt eine Vorstellung, wenn ein Neuron zu viele Synapsen auseinandergerissen hat, stirbt es ab. Wir wissen, dass Nervenzellen im neuronalen Netz absterben. Vielleicht sind ein Teil der abgestorbenen Neuronen Neuronen, die auf dem Abstellgleis sind. Manchmal gibt es darin nichts Schlimmes, denn Neuronen werden im Übermaß gebildet, aber manchmal wird ein neuronales Netz tatsächlich dumpf, weil Sie zu viele Kontakte auseinandergerissen haben. Deshalb ist die Neuigkeit so wichtig. Interessante, intensive neue Informationsflüsse sind sehr wichtig. Wenn Sie jeden Tag dasselbe tun, ist es fürs Gehirn schädlich.
Victoria: Wir sprechen derzeit von der Neuroplastizität. Je mehr wir über etwas nachdenken, je mehr wir etwas tun, je mehr wir wiederholen und festigen.
Wjatscheslaw: Aber in vernünftigem Maße, sonst kann man das Gehirn mit neuen Informationen überfordern. Es kann sich dann in einer unbekannten Stresssituation befinden. Zu viel Neuigkeit löst im Gehirn Angst aus: "Ich weiß so wenig über diese Welt." Alles muss wohldosiert sein. Zu wenig Neuigkeit ist langweilig und zu viel Neuigkeit ist Stress. Jedes einzelnes Gehirn braucht unterschiedliche Menge an Neuigkeit. Jemand braucht zwei, drei interessante Geschichten pro Tag, jemand anderer braucht Dutzend davon.