In Der Dunkelheit - Nacherzählung von Rotkäppchen
German

In Der Dunkelheit - Nacherzählung von Rotkäppchen

by

literature
fiction
fantasy
mystery

Es war dunkel im Inneren des Wolfes, und die Dunkelheit war Rotkäppchens schlimmste Angst. Sie war im mitten des Weinens und Wimmerns, als jemand sie rief. 

“Rotkäppchen?” fragte die ähnliche, zittrige Stimme.

“Oma?” fragte Rotkäppchen zurück, ihre Augen gefüllt mit Tränen.

“Oh mein Schatz, wie sehr ich dich in meinen Armen halten möchte!” Rotkäppchens Oma bemühte sich, sie zu umarmen; zu trösten, konnte sich aber im engen Magen des Wolfes kaum bewegen. Nur ihre Hand halten.

 

“Oma, was ist passiert?”

“Er klopfte auf die Tür und sage, er sei du, und oh Rotkäppchen, meine liebe Rotkäppchen, ich war krank und müde und fiel auf die Lüge herein: ich glaubte ihn und sagte ihm, ‘ziehe an der Spule, und das Schloss springt auf.’ Und so machte er!” 

“Und so aß er dich,” sagte das arme, kleine Mädchen, mit Tränen, die immer noch über ihr Gesicht flossen. “Aber warum fraß der böse Wolf uns ganz auf? Warum sind wir noch am Leben?”

Und da brüllte eine Stimme mit Lachen: “Das ist, wie ich meine Mahlzeiten genieße, du hirnloses Mädchen.” 

Rotkäppchen und ihre Oma zuckten zusammen, zitterten und drückten ihre Hände noch fester. Die Stimme des Wolfes umgab sie von allen Seiten und zeigte ihnen, dass es kein Entkommen gab.   

Aber nach einigen, mit Angst gefüllten Minuten, hörten sie Schnarchen. Und nach weiteren Minuten hörten sie Schritte. Und nach noch ein paar Minütchen hörten sie schnipp-schnapp, schnipp-schnapp, bis ein Licht die Dunkelheit überwand und ihre Welt mit Hoffnung füllte und Rotkäppchen wieder atmen konnte. Sofort sprang Rotkäppchen aus dem Magen des Wolfes und sah einen Jäger, der Scheren in seiner Hand hielt.  “Es war so, so furchtbar dunkel im Wolf!” weinte sie und fiel auf ihre Knie. Ihre Großmutter sprang nach ihr und wiederholte ihre Worte. 

“Gott sei Dank, dass ihr sicher seid,” sagte der Jäger. “Ich bin vorbeigekommen, weil ich dich begrüßen wollte, Hilde,” der Jäger guckte die Großmutter an und redete weiter, “und dann sah ich, dass der Wolf in deinem Bett schlief!”

Es gab aber keine Zeit zum Entspannen: Der Wolf öffnete seine Augen und stürzte sich auf Rotkäppchen, seine Reißzähne nur wenige Zentimeter von ihrem Kopf entfernt, und – BUMMS – der Jäger erschoss ihm mit seiner Schrotflinte und er fiel tot um.

Rotkäppchen wagte nicht, ihre Augen zu öffnen – nicht bis ihre Oma sie in ihren Armen hielt: “Du bist sicher jetzt, meine Liebe, du bist sicher.”

***

Später diese Nacht saßen Rotkäppchen und Oma Hilde am Esstisch. Sie tranken warme, leckere Suppe mit kleinen Fleischstücken, die Oma Hilde gekocht hatte. Keiner von den beiden sagte ein Wort. Aber nach einer Weile brach Rotkäppchen die Stille.  “Lecker,” sagte sie.

“Mhmm,” beantwortete ihre Oma. “Noch ‘ne Portion?”

“Bitte.” 

Während ihre Oma ihr eine Schüssel Suppe einschenkte, schaute Rotkäppchen mit großem Neugier an: Es war das erste Mal, dass sie solch eine Suppe schmeckte.

“Oma.” 

“Hmm?”

“Was für eine Suppe ist das?”

Oma Elke lächelte und stellte die Schüssel vor ihr. “Guten Appetit, meine Liebe.” 

                      

DAS ENDE

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